Herausgeber: Udo Lauer - Merlin-Presse-Berlin

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                                                              Interview mit Eckhard Feddersen

                                              "Kaum in Berlin, fuhr ich zur Mauer."
Herrn Eckhard Feddersen habe ich zu Hause besucht und mit ihm das Gespräch geführt.
Eckhard Feddersen ist 1946 in Husum geboren, ist verheiratet, hat drei Kinder und zwei Enkel. Er ist Architekt und spezialisiert auf Sozialbauten, auch auf altersgerechtes Wohnen und Leben, „universal design“ genannt. Er hat zeitweilig in Amerika gearbeitet, spricht fließend englisch. Französisch hat er nur ein Jahr lang im humanistischen Gymnasium in einer Arbeitsgemeinschaft gelernt.
Am Nachmittag des 9. November 1989 war Eckhard Feddersen in Hannover, wo er in der Architektenkammer einen Vortrag halten musste. Schon während der Veranstaltung wurden Stimmen laut, dass sich in Berlin etwas tue. Mit dem letzten Flugzeug aus Hannover war er gegen 22:00 h in Berlin. Als er dann am Flughafen in Berlin ins Taxi stieg, fuhren bereits die ersten Trabis auf der Straße.  Er war aufgeregt; es war für ihn unglaublich, was da passierte. Kaum zu Hause angekommen, wollte er sofort los zur Mauer. Aber das ging nicht; seine Frau und die Kinder waren noch nicht bereit. So ging er erst am 10. November morgens um 6:00 h über den Kurfürstendamm, der schon oder noch zu der Zeit voller Menschen war, auch voller Flaschen ... Und ihm fiel auf, dass das Menschengewühl ganz vorwiegend in blau und beige gekleidet war: blaue DDR-Jeans und beige Anoraks.Und alles mutete an wie ein Festgelage ...
Und immer wieder wurde Eckhard Feddersen nach Geld gefragt, wurde gebeten, mit Geld zu helfen. DDR-Geld konnte man nicht tauschen; Karten für den Geldautomat bei der Bank hatten die DDRler nicht. Er hat manche 5 DM verschenkt.
Eckhard Feddersen ist weiter bis zum Brandenburger Tor gelaufen. Und dort ist er gegen 8:00 h dann auf die Mauer geklettert, zusammen mit seiner ältesten Tochter Maria. Dieser Augenblick war für ihn emotional unbeschreiblich. Er hatte das Gefühl, dass sich die ganze Welt drehen wird.
Änderte sich das Leben von Eckhard Feddersen? „Eigentlich nicht“, sagt er, „Dahlem blieb mein Rückzugsgebiet.“ Auch beruflich änderte sich nicht viel, aber seine Arbeitswelt erweiterte sich immens. Er gründete die Gesellschaft Ost-West-Plattform, und die explodierte förmlich. Noch im November organisierte er ein Treffen mit Ostberliner Architekten im Hamburger Bahnhof, um gemeinsam mit ihnen Ost- und Westberlin „zusammen zu nähen“, wie sie es nannten. Was sollte mit der Mauer geschehen? Die Ostberliner Architekten waren in der politischen Diskussion geschult. Eckhard Feddersen setzte sich für die Gedenkspur durch die Stadt ein, wollte auch Erinnerungen an die DDR aufrecht erhalten, z. B. den Palast der Republik stehen lassen. Dieser war von dem Architekten Graffunder erbaut worden, einem kleinen Mann mit großer Energie und voller Warmherzigkeit, mit dem Eckhard Feddersen bis zu dessen Tode eine gute Freundschaft verband.
1990 organisierte er den Besuch von Ost-Architekten und besuchte mit ihnen Westberliner Architekturbüros, um ihnen einen Einblick in die Freiberuflichkeit zu geben und Kontaktmöglichkeiten zu schaffen. Die Treffen wurden vom Berliner Senat finanziert. In der nächsten Phase sollten die Architektenverbände zusammengelegt werden. Nach vielen Diskussionen fand nur noch eine schreckliche Abwicklung durch den Westen statt. Vielen Architekten wurde damit die Lebensbasis entzogen. Auch die Akademie Bau wurde abgewickelt. Der Leiter der Akademie, Herr Grönewoldt, nahm sich das Leben. Es waren grausame Folgen. Es gab keinen lockeren Umgang mit den anstehenden Entscheidungen, alles lief nach westlich ideologischen Maßstäben. Allerdings hatte auch niemand vorher gewusst, wie viele maßgebliche Leute zur Stasi gehörten. Über entsprechende Informationen der „Aktuellen Kamera“ hatte Eckhard Feddersen nur gelacht.
So hatte er nach dem Fall der Mauer unendlich viele Termine. Er wurde auch Mitglied im Stadtforum mit den verschiedenen Bänken. Und da er gerade 40 Jahre alt und auf dem Höhepunkt des Lebens war, hatte er dazu auch alle Kraft der Welt, wie er sagte. Er hat fünf Jahre lang an allen Sitzungen teilgenommen. Der Elysée-Vertrag von 1963, Kultur- und Jugendaustauschvertrag, schien für ihn keinen großen Einfluss auf sein Leben gehabt zu haben. Aber im Laufe des Gesprächs  kamen immer mehr bildhafte Erinnerungen. Er erinnerte sich an das Treffen von Adenauer und de Gaulle in Colombey-Les-Deux-Eglises, zwei steife alte Herren, die nebeneinander saßen in de Gaulles Privathaus. Als sensationell erinnert er sich an de Gaulles Besuch bei Adenauer, als beide im offenen Auto fuhren, der eine mit der Generalsmütze, der andere mit dem Schlapphut. Vom deutsch-französischen Schüleraustausch hat Eckhard Feddersen nicht direkt profitiert, da die französische Sprache nicht im Lehrplan seiner Schule stand. Einen Zusammenhang zwischen dem Elysée-Vertrag und dem Mauerfall sieht Eckhard Feddersen schon. Er weiß, dass die Franzosen auch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Elysée-Vertrag noch Angst hatten vor einem starken Deutschland wegen seiner dominanten Mittellage in Europa. Der Mauerfall weckte somit alte Ängste, die nur bei den Engländern unter Margret Thatcher noch viel stärker waren. Der Elysée-Vertrag hat nach Eckhard Feddersens Meinung dazu beigetragen, dass die Franzosen sich weniger gegen die Wiedervereinigung wehrten als die Engländer.
Über den Ersten Weltkrieg hat Eckhard Feddersen in seiner Familie manches erfahren. Die Großväter nahmen an beiden Weltkriegen teil. Sein Großvater väterlicherseits war Freimaurer.
Sein Großvater mütterlicherseits war Spieß (Oberfeldwebel) im Ersten Weltkrieg und musste sich um das „Wohlbefinden“ seiner Soldaten kümmern. Er hat viel über beide Kriege erzählt, und es gibt im Familienarchiv dazu viele Fotos. Eckhard Feddersen hat den Großvater noch zu Pferde, zu Fuß etc. vor Augen. Die Erzählungen bezogen sich auf das Ende des Krieges, nicht auf den Beginn oder den Verlauf. So ist dieser Großvater von Frankreich bis nach Husum zu Fuß gelaufen über Hamburg und Kiel. Auf dem Weg begegnete er aufständischen Soldaten, die in Frankreich wie er „die Knochen hingehalten“ und deutsche Werte verteidigt hatten. Diese Werte aber verfielen immer mehr. Die Soldaten suchten die Verbindung zu dem Großvater. Dieser organisierte sich im „Stahlhelm“ und gehörte somit zur „Gründungsmasse“ der SA der Nazis.
Von seiner Mutter lernte Eckhard Feddersen viele Lieder, in denen über das deutsch-französische Verhältnis gesungen wird oder auch über den Kampf um das Elsass.
Auf Nachfrage zu seiner beruflichen Spezialisierung auf altersgerechtes Wohnen und Leben erzählte Eckhard Feddersen von seinem Projekt Rohrlack. Zu seinem Lebensziel gehört es zu beweisen, dass ein vernünftiger sozialer Grundgedanke ohne wirtschaftliche Vorteile gute Ergebnisse bringen kann. Somit ist es eine Aktion neben dem Beruf, die er sich vornimmt und die ihn glücklich macht, wenn sie zu einem guten Ende führt.
Rohrlack ist ein kleines Dorf in Brandenburg, nördlich von Berlin. Es war die tüchtige Bürgermeisterin dieses Dorfes, die Eckhard Feddersen in das Projekt hineingetrieben hatte. Um das Dorf zu retten, verhandelte er mit der Treuhand, was die Bürgermeisterin „nicht konnte“. Die Treuhand spielte mit und verkaufte ihm alles, was zum Dorf, einer ehemaligen LPG, gehörte. In Zusammenarbeit mit den Dorfbewohnern und einer Gruppe sozial engagierter Eltern mit behinderten Kindern wurden die Häuser restauriert, die Scheunen zu Wohnungen und Ateliers umgebaut, auch neue Häuser gebaut. Zu einem sehr frühen Zeitpunkt schon gab es einen großzügigen Spender.
Das Dorf und die Eltern der behinderten Kinder wuchsen zusammen und bilden heute noch ein gutes Team. Die behinderten Kinder wurden die Kinder des Dorfes, d. h. sie konnten mal bei der einen, mal bei der anderen Familie wohnen. Es wurden für sie Werkstätten und Arbeitsplätze geschaffen. In kleinen Schritten wurde dieses Projekt zum Erfolg geführt. Es kommen immer noch viele Einzelteile zu dem Gesamtprojekt dazu. Eckhard Feddersen war und ist der Mittelpunkt dieses Projekts. Auch hier hat er viele Stunden und viel Arbeit investiert. Mit der Zeit aber konnte er den Dorfbewohnern helfen, die Häuser zu kaufen und die Dorfbelange in die eigenen Hände zu nehmen. Damit wurde das Gewicht von seinen Schultern genommen. Er ist weiterhin Konfliktlöser in dieser Gemeinschaft, aber nicht mehr belastet von den alltäglichen Dingen. Er ist glücklich über die Entwicklung und hat einmal mehr bewiesen, dass man einen sozialen Gedanken aufnehmen und etwas daraus machen kann. Er sieht, dass man auch Zwischenmenschlichkeit wieder beleben kann. Das Dorf hat Selbstbewusstsein entwickelt. Eine Gruppe erarbeitet in mehreren Schritten einen historischen Abriss über das Dorf. Die erste Phase geht von der Gründung bis 1914, dann von 1914 bis 1989, und über die neuere Zeit sammelt die Gruppe weiterhin alle Zeugnisse.

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